Kirche einmal anders
Ü-Gottesdienst im Kinderdorf Bethanien

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Eltville-Erbach - Bei einem Gottesdienst der besonderen Art versammelten sich am Sonntagnachmittag, 26. März 2017, große und kleine Gemeindemitglieder und Bewohner des Kinderdorfs Bethanien in Eltville-Erbach. Der von den Veranstaltern so genannte "Ü-Gottesdienst" (Ü steht für "Überraschungs-") dauerte ganze drei Stunden. Die Gottesdienstteilnehmer erlebten aber keine Messe der üblichen Art und Weise. Beinahe alles war außergewöhnlich in dieser Eucharistiefeier: Beispielsweise geschah die Auslegung des Evangeliums nicht durch den Priester und auch nicht durch die Priorin der Dominikanerinnen von Bethanien, sondern in vier verschiedenen Kleingruppen. Dort hatte jeder die Möglichkeit, sich auf seine Weise mit der biblischen Geschichte auseinanderzusetzen und sie auf sich und sein Leben zu beziehen.

Die Idee zu diesem Gottesdienst entstand aus einer Aktion heraus, die bereits im letzten Jahr im Kinderdorf Bethanien stattfand: Dabei wurden die Gruppen und Kreise der neuen Pfarrei St. Peter und Paul aufgefordert, über ihre Wünsche an die Kirche der Zukunft nachzudenken und einen Umzugskarton entsprechend kreativ zu gestalten. Unter dem Motto "Wir bauen unsere Kirche neu" entstand bei einem Aktionstag aus diesen Kisten eine "neue Kirche". Weil die Kirche aber weder nur aus Steinen, noch aus Kisten, sondern aus Menschen besteht, wollte die Planungsgruppe die Ideen auf den Kisten in einer neuen Aktion lebendig werden lassen. So ließ man sich bei der Vorbereitung des Ü-Gottesdienstes von Wünschen inspirieren wie: "Offenheit für Neues", "Miteinander essen und trinken nach dem Gottesdienst" oder "Kinder sollen auch etwas [zur Kommunion] bekommen, nicht nur die Erwachsenen". Auch "offene Gespräche über Gott" sollten ihren Platz finden. "Nur auf einen Wunsch konnten wir bei alldem nicht eingehen", so Schwester Judith, "nämlich den, dass Gottesdienste möglichst kurz sein sollen." Für flotte musikalische Gestaltung sorgten Cornelia Frick am Klavier und Stefan Moos an der Gitarre zusammen mit Kindern an den Rhythmusinstrumenten.

Nach der Begrüßung und Eröffnung durch Pfarrer Lauer und Schwester Judith wurde das Evangelium vom blindgeborenen Mann (Joh 9,1-41) nacherzählt. Danach konnten die Gottesdienstbesucher zwischen fünf verschiedenen Kleingruppen wählen: Ursula Immesberger aus Eltville stellte Spiegel-Buttons her und kam Frage auf die Spur, welches Bild wir eigentlich von uns selbst haben - und mit welchem Blick Gott auf uns schaut. Schwester Judith lud ein, die biblische Erzählung noch einmal szenisch nachzuspielen und seine eigene Rolle in der Geschichte zu finden. Cornelia Frick gestaltete zum Thema "Ich bin das Licht der Welt" eine Meditation und fertigte in ihrer Gruppe bunte Gläser als Teelichthalter an. Markus Tischler und seine Familie hatten eine Brotbackaktion vorbereitet. Das "Brot nach Art der Bibel" wurde später gesegnet und an die Kinder verteilt, die noch nicht zur Erstkommunion gegangen waren. Pastoralreferentin Anke Jarzina bot an, sich mit Körperübungen auf die Kraft zu besinnen, die Berührungen zu heilenden Berührungen machen kann. Nach einer guten Stunde kamen wieder alle in der Aula zusammen, wo anstelle einer Predigt die Gedanken aus den Gruppen vorgestellt wurden. Auch die Fürbitten waren in den Kleingruppen entstanden und wurden zum Abschluss des Wortgottesdienstteils gemeinsam vor Gott gebracht.

Danach kam noch einmal Bewegung in die Gottesdienstgemeinde: alle stellten ihre Stühle im Halbkreis um den Altar in der Mitte des Raums. Das selbst gebackene Brot wurde gesegnet, die Gaben von Brot und Wein in Jesu Leib und Blut gewandelt. Beim Kommuniongang hatten die kleinen Kinder die Möglichkeit, ein Stück gesegnetes Brot zu bekommen. So hatten alle Anteil an der Mahlgemeinschaft, die ja der Höhepunkt jeder Eucharistiefeier ist.

Nach dem Segen durch Pfarrer Lauer packten wieder alle an und bauten Tische und Stühle zu Tischgruppen auf, denn jetzt wurden die mitgebrachten Speisen und Getränke miteinander geteilt und so die fröhliche Mahlgemeinschaft im Sinne Jesu weitergeführt. Mit dem Lied "Tragt in die Welt nun ein Licht" endete das Abendessen und damit der "Ü-Gottesdienst".

In der Vorbereitungsgruppe ist man sich einig, dass es eine Fortsetzung der "Kisten-Ideen" geben wird. "In welcher Weise das sein wird, davon lassen wir uns überraschen.", so Schwester Judith zum Abschluss des etwas langen, aber alles andere als langweiligen Nachmittags.